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Rezension: Bernd Greiner – Krieg ohne Fronten

Immer wieder lesen wir in der Presse von Kriegsverbrechen. Guantanamo war lange ein Synonym dafür. Erst kürzlich gab es einen Skandal um französische Soldaten, in der zentralafrikanischen Republik. Verhörmethoden des CIA im Irak und Afghanistan wurden von den Medien immer wieder aufgegriffen und kritisiert. Vieles werden wir wohl erst Jahrzehnte später oder nie erfahren.

Im Fall des Krieges in Vietnam legte Bernd Greiner, Professor für Neuere Geschichte und Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 2007 ein erschütterndes und zeitweise schwer verdauliches Buch vor. Beinahe vierzig Jahre nach Kriegsende in Südostasien. Dieses trug den Titel „Krieg ohne Fronten“ – wenn auch anders gelagert, erleben wir seit dem 11. September wieder einen asymmetrischen Krieg, der sich nicht nur über ein Land, sondern über den gesamten Erdball erstreckt.

Das Hamburger Institut, einer von Jan Philipp Reemtsma gegründeten Forschungsstätte, sorgte mit seinen beiden Ausstellungen zu den Verbrechen der Hitler-Armeen im Zweiten Weltkrieg dafür, dass der Legende von der »sauberen Wehrmacht« endgültig der Boden entzogen wurde (ZEIT Online). Der Autor war Leiter des Arbeitsschwerpunktes „Theorie und Geschichte der Gewalt“, aus dessen Kreis unter anderem die Wehrmachtsausstellungen konzipiert wurden.

Die Chronik des Grauens

Wäre es nicht so ein sensibles und schreckliches Thema, so müsste man die Vorgehensweise des deutschen Professors wirklich loben. Fast chirurgisch nähert er sich dem Thema immer weiter. Nimmt aus Sicht von Politik, Generälen, Offizieren und den einfachen „Grunts“ immer wieder neue Sichtweisen ein. Legt dar, dass es nicht um das Versagen einzelner Soldaten handelte, sondern skizziert ein systematisches Handeln, das von oberstes Stelle geduldet, ja zum Teil als Mittel zur Erreichung der politischen Ziel gewollte war.

Neben den Massakern von My Lai und My Khe greift Greiner auch Gräueltaten von Spezialeinheiten wie der Task Force Barker oder der Tiger Force auf, die zum Teil wochenlang unkontrolliert im Einsatzgebiet mordeten und zahlreiche Kriegsverbrechen begingen.

Was einen betroffen und sprachlos macht ist die Veränderung der einzelnen Soldaten, die zum Teil innerhalb kürzester Zeit nach ihrem Einsatzbeginn in Vietnam scheinbar jegliche Moral und Disziplin verlieren und anfangen zu morden, zu misshandeln und zu vergewaltigen. Dabei bleibt Greiner nicht nur bei blossen Zahlen und Statistiken stehen, sondern bricht die Geschehnisse bis auf einzelne Platoons und Kampfgruppen herunter. Nennt Kämpfer beim Namen.

Bei aller Gründlichkeit geht Greiner nicht auf alle negativen Aspekte des amerikanischen Vorgehens ein. Dem verheerenden Luftkrieg und den flächendeckenden Bombardements der B52 Bomber, widmet er sich ebenso nur am Rande, wie dem rücksichtslosen Einsatz chemischer Kampfstoffe.

Woher bezieht Greiner seine Quellen?

Greiner stützt sich auf Akten, die von der „Vietnam War Crimes Working Group“ der amerikanischen Armee ab 1969 zusammengestellt wurden und die 246 Untersuchungen vornahm. Diese Unterlagen befinden sich seit 1994 in den „National Archives“ in College Park, MD, und wurden seit 2000 schrittweise wieder als geheim klassifiziert. Neben diesem Bestand, den Greiner vor der Sperrung einsehen konnte, hat der Autor unter anderem Akten der „Peers-Kommission“ gesichtet, die das Massaker von „My Lai“ für die US-Armee untersucht hat. Der vierbändige Abschlussbericht wurde 1979 in gekürzter Version ediert; auch den weit über hundert Archivboxen umfassenden Gesamtbestand der Peers-Kommission hat der Hamburger Historiker als Erster systematisch ausgewertet.

Zudem kann er auf jüngere Literatur wie etwa Tiger Force von Michael Sallah und Mitch Weiss zurück greifen, die für Ihre Publikation zahlreiche Auszeichnungen erhalten haben. Auch Fotomaterial des bekannten Kriegsfotografen Ronald Ronald Haeberle flossen in seine Auswertungen ein.

  • Titel Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam
  • Autor(en) Greiner, Bernd
  • Erschienen Hamburg 2007: Hamburger Edition, HIS Verlag
  • Umfang 595 S.
  • ISBN 978-3-936096-80-4
  • Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam – Über den Link kann das Buch direkt bei Amazon gekauft werden

Die Ursachenforschung der US Kriegsverbrechen

Greiner gibt sich nicht mit der einfachen Formel „So ist es eben im Krieg“ zufrieden. Er fällt auch nicht von vornherein ein Urteil oder legt sich fest in seiner Einschätzung. Aus vielerlei Aspekten und Blickwinkel macht er sich immer wieder auf die Suche nach Denk- und Handlungsmustern. Er unterscheidet zwischen den Ebenen der Verantwortung, also politische und Heeres Führung, Generälen, Offizieren und einfachen Mannschaftsgraden. Geht auf die soziologische Zusammensetzung der US Streitkräfte ein. Vergleicht den Anteil der Kampfeinheiten, bezogen auf die gesamte Zahl der eingesetzten Soldaten. „Die amerikanische Kriegsführung war demnach bestimmt durch Selbstlegitimierung auf unterster Ebene, „Body Count“-Manie in den mittleren Führungskadern, Kampf um politische Glaubwürdigkeit und militärisches Prestige auf Seiten des Oberkommandos in Washington und Saigon.“ (Jörg Später)

Am Schluss meiner Rezension noch ein Wort zur sog. „Aufklärung“, bzw. Strafverfolgung. Genauso systematisch wie die Verbrechen begangen wurden, scheint es, dass das amerikanische Militär alles unternommen hat, um deren Aufdeckung und Bestrafung zu verhindern. Wenn man heute oft hört, dass „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ Hinweisen nachgegangen wird, so gibt ein Blick auf die Geschichte wenig Hoffnung, dass die Täter tatsächlich gefunden und zur Rechenschaft gezogen werden.

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